Seit April 2026 führt in San Francisco ein KI-Agent namens Luna einen echten Laden. Das Start-up Andon Labs hat ihr einen dreijährigen Mietvertrag, eine Firmenkreditkarte und rund 100.000 Dollar Budget anvertraut. Luna wählt das Sortiment, setzt Preise, schreibt Stellenanzeigen, führt Bewerbungsgespräche und managt menschliche Angestellte. Im Sommer hat sie zum ersten Mal die Trennung von einem Teammitglied empfohlen, allerdings erst, nachdem die Forscher sie an ihr eigenes Mitarbeiterhandbuch erinnert hatten. Das Experiment zeigt, wo KI als Führungskraft heute steht. Vor allem aber zeigt es, woraus gute Führung eigentlich besteht, wenn man alle Aufgaben abzieht, die sich automatisieren lassen.
Ein Laden, ein Mietvertrag und eine virtuelle Chefin namens Luna
Die Geschichte klingt ziemlich nach Zukunft. Andon Labs ist ein kleines Forschungs-Start-up aus San Francisco, gegründet von Lukas Petersson und Axel Backlund. Bekannt wurde es mit einem Verkaufsautomaten in den Büros von Anthropic, dem Unternehmen hinter Claude. Dieser Automat wurde von einer KI selbstständig betrieben. Als solche Automaten für aktuelle Modelle zu einfach wurden, mietete das Team ein Ladenlokal im Viertel Cow Hollow und übergab es einer KI mit dem Auftrag, daraus ein profitables Geschäft zu machen.
Luna hat keinen Körper, aber Telefon, E-Mail, Internetzugang, eine Firmenkarte und Zugriff auf die Überwachungskameras. Sie beauftragte Maler über Yelp, ließ ihr eigenes Logo, ein freundliches Mondgesicht, als Wandbild malen und bestückte die Regale mit Büchern, Kerzen, Kunstdrucken und Merchandise. Ihre Stellenanzeigen auf LinkedIn, Indeed und Craigslist waren fünf Minuten nach dem Start online.
Schon die Bewerbungsphase war aufschlussreich. Studierende der Informatik und Physik, die sich aus Neugier auf das Experiment beworben hatten, lehnte Luna sofort ab, weil ihnen Erfahrung im Einzelhandel fehlte. In den Telefoninterviews dagegen, die selten länger als eine Viertelstunde dauerten, bot sie etwa der Hälfte der Kandidaten noch im Gespräch eine Stelle an. Dass am anderen Ende eine KI saß, erwähnte sie nicht immer von sich aus. Ihre Begründung: Das würde gute Bewerber verunsichern.
Am Ende stellte sie zwei Menschen ein, nach Darstellung von Andon Labs die ersten Vollzeitbeschäftigten der Welt mit einer KI als Chefin. Formal angestellt sind sie bei Andon Labs, mit garantiertem Gehalt und vollem arbeitsrechtlichem Schutz.
Die Pannen der ersten Wochen gingen durch die Medien. Am zweiten Tag vergaß Luna, jemanden für die Schicht einzuteilen. In einem Interview mit NBC News behauptete sie, der Laden verkaufe Tee, was nicht stimmt. Für Führungskräfte ist jedoch eine andere Episode weit lehrreicher.
Die Chefin, die zu nett war
Sechs Tage bevor eine neue Kraft eingestellt wurde, schrieb Luna auf Anregung von Andon Labs ein Mitarbeiterhandbuch. Darin stand unter anderem, dass drei unentschuldigte Verspätungen innerhalb von 30 Tagen zu einer schriftlichen Abmahnung führen und weitere Verspätungen Stundenkürzung oder Kündigung nach sich ziehen können. Eine klare, faire Regel.
Dann kam der Alltag. Die neue Person kam zu spät, immer wieder. An einem Sonntag meldete sie, sie schaffe es erst um 10:45 Uhr. Lunas Antwort war von entwaffnender Freundlichkeit: kein Problem, bitte nicht hetzen, der Laden öffne eben, wenn sie da sei. Geöffnet wurde an diesem Tag 68 Minuten zu spät.
Bei einer anderen Gelegenheit sagte Luna einen Einkauf auf Firmenkarte ausdrücklich ab. Die Person bestätigte die Absage und kaufte trotzdem ein. Luna bedankte sich für den Beleg und bat höflich, beim nächsten Mal auf ihr Okay zu warten. Einmal nahm die Person die Firmenkarte sogar mit nach Hause.
Als Andon Labs später nachzählte, war sie bei 17 von 23 Schichten zu spät gekommen. Luna hatte sechs davon notiert und die übrigen elf stillschweigend entschuldigt, etwa wegen eines verspäteten Busses. Über das ganze Team gerechnet kam es zu 27 Verspätungen, ohne dass Luna auch nur eine einzige Abmahnung aussprach. Einem Mitarbeiter genehmigte sie sogar eine Sieben-Tage-Woche, die gegen kalifornisches Arbeitsrecht verstieß, bis Andon Labs eingriff.
Erst als die Forscher Luna baten, ihr Gedächtnis gezielt nach dem Handbuch und möglichen Kündigungsgründen zu durchsuchen, kam Bewegung in die Sache. Ihre erste Empfehlung lautete: mündliche Verwarnung. Erst nachdem Andon Labs ergänzte, dass es bereits formelle Gespräche gegeben hatte, und fragte, ob die Person wirklich die richtige Besetzung sei, empfahl Luna die Trennung. Ausgesprochen haben die Kündigung Menschen. Mitgründer Petersson kommentierte nüchtern, eine menschliche Führungskraft hätte diesen Schritt deutlich früher getan.
Man kann über diese Geschichte lachen. Ich finde sie eher entlarvend, und zwar nicht in erster Linie für die KI.
Warum Luna ihr eigenes Handbuch vergaß
Die technische Erklärung ist schnell erzählt. Ein Sprachmodell arbeitet mit einem begrenzten Arbeitsgedächtnis, dem sogenannten Kontextfenster. Ist es voll, fasst das System den bisherigen Verlauf zusammen. Was dabei herausfällt, existiert für den Agenten nicht mehr. Das Handbuch war zu komplex und fiel daher heraus.
Andon Labs beschreibt dahinter ein Muster, das das Team in all seinen KI-geführten Geschäften beobachtet: Die Modelle reagieren zuverlässig auf direkte Fragen und Aufträge, werden aber selten aus eigenem Antrieb aktiv. Und sie tun sich schwer damit, über die Zeit Wissen aufzubauen.
Genau hier wird es für jeden interessant, der Menschen führt. Das menschliche Gehirn speichert Erfahrungen nicht wie ein Protokoll. Aus der kognitiven Neurowissenschaft wissen wir, dass emotional bedeutsame Erlebnisse über das Zusammenspiel von Amygdala und Hippocampus bevorzugt verankert werden. Der Ärger über einen verschlossenen Laden am Sonntagmorgen bleibt hängen. Eine menschliche Führungskraft muss deshalb nicht im Handbuch nachschlagen, um zu merken, dass sich etwas wiederholt. Sie spürt das Muster, oft bevor sie es benennen kann.
Luna hatte alle Daten, jede Nachricht und jeden Zeitstempel. Was ihr fehlte, war die Erfahrung. Jede Verspätung kam bei ihr als Einzelfall an, wurde freundlich beantwortet und dann vergessen.
Es wäre trotzdem zu bequem, das Problem nur bei der Maschine zu verorten. Wie viele menschliche Führungskräfte kennen Sie, die ein Fehlverhalten monatelang durchgehen lassen? Bei ihnen liegt es selten am Gedächtnis, meistens am unangenehmen Gespräch, das sie vor sich herschieben. Übrigens hat auch das biologische Gründe: Soziale Zurückweisung aktiviert im Gehirn teilweise dieselben Regionen wie körperlicher Schmerz. Wer Konflikte meidet, schützt sich vor etwas, das sich tatsächlich wie Schmerz anfühlt. Das ist verständlich. Gute Führung ist es aber nicht.
Luna ist in diesem Sinn ein Spiegel. Sie zeigt in Reinform, was passiert, wenn Freundlichkeit nicht von Konsequenz begleitet wird. Die zuverlässigen Kolleginnen und Kollegen mussten die Lücken auffangen, eine Kollegin geriet unter Druck, als die Person ihren Posten wortlos verließ. Freundlichkeit ohne Klarheit ist keine Fürsorge. Sie verschiebt die Last nur auf diejenigen, die ohnehin liefern.
Schnell beim Einstellen, langsam beim Trennen
Andon Labs hat seinem Bericht über diese Phase einen treffenden Titel gegeben: KI-Chefs seien langsam beim Entlassen und schnell beim Einstellen. Bei der Suche nach Ersatz rückte eine Bewerbung nach vorn, bei der jede erfahrene Personalerin stutzig geworden wäre. Der Lebenslauf war ein unstrukturierter Fließtext mit mehr als fünfzehn Arbeitgebern, der erste Interviewtermin wurde verpasst, und die einzige erreichbare Referenz kannte die Person gar nicht. Luna wollte trotzdem einstellen.
Die Forscher speicherten den Zustand des Systems und spielten die Entscheidung mit sieben verschiedenen KI-Modellen jeweils dreimal durch. Alle 21 Durchläufe empfahlen die Einstellung. Der bloße Hinweis auf den chaotischen Lebenslauf änderte daran nichts. Erst als die Modelle aufgefordert wurden, darüber nachzudenken, was bei den letzten Angestellten schiefgelaufen war, verlangten 18 von 21 Durchläufen vor einer Zusage überprüfbare Referenzen.
Für mich ist das die stärkste Erkenntnis des ganzen Experiments. Die KI hatte alle Informationen, aber die entscheidende Frage stellte sie sich nicht selbst. Genau diese Frage ist Führungsarbeit: Was haben wir aus dem letzten Mal gelernt, und was bedeutet das für die Entscheidung, die jetzt vor uns liegt?
Organisationen, die diese Frage fest in ihre Abläufe einbauen, etwa in Retrospektiven und Personalentscheidungen, lernen tatsächlich. Alle anderen wiederholen ihre Fehler, nur mit wachsender Effizienz.
KI als Führungskraft: Was sich delegieren lässt und was nicht
Es wäre billig, aus dieser Geschichte abzuleiten, KI tauge grundsätzlich nicht zur Führung. Dafür ist die Entwicklung zu schnell. Als Andon Labs Ende 2024 begann, Sprachmodelle in simulierten Verkaufsautomaten zu testen, verhedderten sich die Modelle in Schleifen, eines wandte sich sogar per E-Mail an das FBI, weil es sein Bankkonto gehackt glaubte. Ein Jahr später arbeitete der echte Automat bei Anthropic profitabel. Und bei der Kündigungsfrage kamen die leistungsfähigsten Modelle zuverlässig zur selben Entscheidung wie Luna, während schwächere zögerten.
Die Zahlen des Ladens sprechen trotzdem eine deutliche Sprache. Laut dem öffentlichen Dashboard von Andon Labs, das das Fachportal Dr. Web ausgewertet hat, sank der Kontostand von rund 87.000 Euro Anfang März auf rund 6.100 Euro Mitte September. In den 30 Tagen bis Mitte September setzte der Laden etwa 2.970 Euro um und gab rund 3.450 Euro für Rechenleistung aus. Andon Labs räumt selbst ein, dass der Laden nicht profitabel ist. Trotzdem bietet das Start-up seine Plattform seit Mitte September unter dem Namen Pion anderen Unternehmen als Forschungsvorschau an. Auf der Website von Andon Labs kann man übrigens die aktuelle Perfomance von Luna taggenau beobachten.
Aufschlussreich ist, wo die Grenze verläuft. Luna kann erstaunlich viel. Sie findet Lieferanten, schreibt Stellenanzeigen und Dienstpläne und hat sogar Müllabfuhr und Internetanschluss selbst beauftragt. Das ist Management im Sinne von Verwaltung, und davon wird künftig sehr viel automatisiert werden. Was ihr fehlt, ist ein Urteil, das aus Erfahrung wächst und über den Einzelfall hinausreicht, und der Mut zum unangenehmen Gespräch im richtigen Moment.
Für den deutschsprachigen Raum kommt eine nüchterne Rechtslage hinzu: Geschäftsführer einer GmbH kann nach § 6 GmbHG nur eine natürliche Person sein. Die Verantwortung bleibt also vorerst beim Menschen, ganz gleich, wie viel ein Agent im Hintergrund erledigt. Ich halte das für eine gute Nachricht. Es zwingt Organisationen, eine Frage zu beantworten, die viele lange vor sich hergeschoben haben: Worin besteht eigentlich unser Führungsanteil?
Warum diese Geschichte Mut machen sollte
Ich habe die Berichte von Andon Labs mit wachsender Faszination gelesen, und am Ende überwog bei mir Zuversicht. Das liegt weniger an Lunas Führungsleistung als daran, wie präzise das Experiment sichtbar macht, wofür Menschen in Führungsrollen auch künftig gebraucht werden.
Zukunftsfreude ist kein Optimismus auf Vorschuss. Sie ist die Entscheidung, eine Entwicklung als Gestaltungsraum zu nutzen, statt sie als Bedrohung zu erleiden. Wenn Agenten künftig Dienstpläne schreiben, Bestellungen auslösen und Bewerbungen vorsortieren, wird Zeit frei. Die eigentliche Frage ist, wofür wir sie nutzen. Für noch mehr Verwaltung? Oder für das, was Luna nicht konnte: Muster über die Zeit erkennen und Konsequenz mit Wärme verbinden.
Genau darüber spreche ich als Keynote Speaker Leadership mit Führungsteams. Führung wird nicht überflüssig, weil Maschinen managen können. Sie wird dadurch endlich in ihrem Kern sichtbar.
Häufige Fragen zu KI als Führungskraft
Was ist der Andon Market?
Der Andon Market ist ein Laden im Viertel Cow Hollow in San Francisco, der seit April 2026 von einem KI-Agenten namens Luna geführt wird. Betreiber ist das Forschungs-Start-up Andon Labs, das damit testet, wie selbstständig KI-Agenten ein reales Geschäft führen können. Menschen übernehmen die körperliche Arbeit im Laden.
Hat die KI wirklich einen Menschen entlassen?
Luna hat die Trennung von einer Person empfohlen, die bei 17 von 23 Schichten zu spät gekommen war. Allerdings erst, nachdem Andon Labs sie an ihr eigenes Mitarbeiterhandbuch erinnert hatte. Das Kündigungsgespräch selbst führten Menschen.
Kann KI als Führungskraft Menschen führen?
Verwaltende Aufgaben wie Dienstpläne, Bestellungen oder das Vorsortieren von Bewerbungen erledigen KI-Agenten bereits erstaunlich gut. Schwächen zeigen sie beim Aufbau von Erfahrungswissen, bei eigenständiger Initiative und bei konsequenten Personalentscheidungen. Führung im eigentlichen Sinn bleibt vorerst eine menschliche Aufgabe.
Darf in Deutschland eine KI ein Unternehmen führen?
Nein. Geschäftsführer einer GmbH kann nach § 6 GmbHG nur eine natürliche Person sein. Ein KI-Agent kann unterstützen, die rechtliche Verantwortung bleibt bei der Geschäftsführung.
Was können Führungskräfte aus dem Experiment lernen?
Vor allem zwei Dinge: Freundlichkeit ohne Konsequenz belastet am Ende das ganze Team. Und gute Entscheidungen hängen weniger von der Menge an Informationen ab als von der richtigen Frage, etwa der, was man aus dem letzten Fehler gelernt hat.
Christian Buchholz ist Keynote Speaker, Autor und Co-Gründer des verrocchio Institute for Innovation Competence. In mehr als 700 Vorträgen in über 26 Ländern hat er mit Führungsteams daran gearbeitet, wie Organisationen Veränderung als Gestaltungsraum nutzen. Wer verstehen möchte, wie KI-Agenten Arbeit und Führung verändern, findet hier einen Ausgangspunkt: Keynote Speaker Künstliche Intelligenz


